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Mit einer Gruppe von Friedensaktivisten - Männer und Frauen - ältere und jüngere - fuhren wir gestern Abend im Anschluss an eine große, friedenspolitische Veranstaltung auf dem Gipfel für globale Solidarität zu der, vor allem von autonomen Gruppen organisierten, Demonstration.

 


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#G20-"Welcome to Hell"-Demonstration - ein Erlebnisbericht
von Andreas Grünwald

Dazu muss man wissen, dass die Hamburger Innenbehörde seit Tagen die Situation in der Stadt drastisch eskaliert und immer wieder mit heftiger Gewalt auf bislang vollkommen friedliche Demonstrationen einwirkt, verbunden mit dem Ziel, dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt.

Für einige von uns - ich will es nicht abstreiten -. mag die Neugier ein Motiv gewesen sein dort hin zu fahren. Für andere war es der Gedanke: wenn sich Scholz und Innensenator Andy Grote nicht vollständig blamieren möchten, dann muss es zur Rechtfertigung ihrer staatlichen Eskalation an diesem Abend knallen. Wenn aber viele weitere Menschen, die nicht zum Kern autonomer Demonstranten gehören, an dieser Demonstration teilnehmen, wird dies erheblich schwerer sein.

So wie wir, dachten offenbar viele: Wir trafen vor Ort auch auf Gewerkschafter, auf Aktive von Attac, aus Umweltschutzverbänden, auch Menschen, die in Migrationsorganisationen aktiv tätig sind. Auf viele andere.

Wir waren nicht mitten drin, sondern standen am Rand, um die Situation für uns erst mal zu erfassen. Etwas erhöht auf der elbseitig gelegenen Elbpromenade. Doch bereits auf dem Weg zur Demo - sie sollte am Fischmarkt starten, wir kamen aus der Richtung Landungsbrücken - war uns das massive Aufgebot an Wasserwerfern und Mannschaftswagen der Polizei aufgefallen, Sie standen so, dass ein Start der Demonstration von vornherein gar nicht möglich war. So verzögerte sich dann auch der Beginn der Demonstration, die überhaupt nur 200 Meter weit kam. Dann wurden Teilnehmende aufgefordert ihre "Vermummung" aufzugeben. Doch noch bevor dies überhaupt geschehen konnte, rückten bereits von allen Seiten Polizeieinheiten auf die Demonstrierenden vor. Sofort begann auch der Einsatz von Wasserwerfern. Die Menschen wussten nicht wohin sie fliehen sollten. Etliche Menschen wurden schwer verletzt.

Um dieser Situation zu entfliehen kletterten etliche Demonstrationsteilnehmende nun auch auf die höher gelegene Elbpromenade. Aber auch dort rückten massive Polizeieinheiten vor, die sofort auf alles knüppelten, was ihnen vor die Nase kam.

Wir versuchten der Situation zu entfliehen, auch weil es unter unseren Teilnehmenden teilweise Panik gab. Aber es gab kein Entrinnen. Niemand wurde aus dem Kessel raus gelassen. Der einzige Fluchtweg, den wir erkannten, bestand darin über die Flutschutzmauern zu klettern um auf eine größere Fläche zu gelangen, die sich in diesem Abschnitt unmittelbar an der Elbe befindet. Einfacher gesagt, als getan, denn die Flutschutzbefestigungen sind teilweise hoch und auf der anderen Seiten geht es etwa 2,5 Meter bis 3 Meter in die Tiefe. Diese Hürde zu überwinden gelang uns nur mit Hilfe jüngerer autonomer Demonstranten, die sich auf diese Seite schon hin flüchten konnten. Sie warteten auf uns und halfen uns ohne größere Knochenbrüche, die Fläche zu erreichen. Sie fingen uns auf. Das freundliche Gesicht eines dieser jungen Demonstranten, der mich schweren Kerl dort mit auffing, werde ich so schnell nicht vergessen.

Wir glaubten uns nun in Sicherheit. Doch auch hier rückten sofort Polizeieinheiten massiv von allen Seiten vor. Niemand wurde raus gelassen. Einzelne von uns gerieten in Panik und versuchten weg zu laufen, wiederum andere versuchten Polizeibeamte davon zu überzeugen, dass man sie raus lässt. Die Antwort bestand im Polizeiknüppel. Auch hier Verletzte, die blutend auf dem Boden lagen. Wir flohen in Richtung Fischauktionshalle. Aber auch dort gab es lange Zeit kein Entrinnen, bevor es uns endlich gelang auf Seitenwege auszuweichen und über Hinterhöfe dem Geschehen zu entfliehen. Einige kamen bis zur Reeperbahn, andere zur S-Bahn Königstraße, denn unsere kleinere Gruppe war längst in mehrere Teile auseinander gerissen worden.

Einige von uns sind von Pfefferspray Attacken getroffen, wiederum andere hatten Bekanntschaft mit dem Polizeiknüppel machen müssen.

Ich will es deutlich sagen: Es gab nur eine Seite von der an diesem Abend Gewalt systematisch eskaliert wurde. Darin bestand von vornherein das Ziel. Ausschließlich die Hamburger Innenbehörde und Bürgermeister Olaf Scholz tragen daher die Verantwortung dafür was in den folgenden Stunden dann geschah und auch heute an vielen Stellen in Hamburg passieren wird. Sie haben es provoziert. Sie haben es gewollt, um so nachträglich die massive Einschränkung demokratischer Grundrechte und den Polizeistaat noch zu rechtfertigen.

Wir hatten gestern Abend alle Angst. Trotzdem werden wir uns diese unsere demokratischen Grundrechte von niemanden nehmen lassen. Wir demonstrieren am 8. Juli gemeinsam mit Zehntausenden für Frieden und Abrüstung, für eine bessere und gerechtere Welt. Niemand von uns wird sich davon abhalten lassen.

© Andreas Grünwald

Quellenangaben:

  • Grafik: Junge Welt © Willi Effenberger