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Betreff: Programmbeschwerde: Piloten-Krankschreibungen
Datum: 14. September 2017 um 17:12:53 MESZ
An: "NDR RR VWR" »gremienbuero@ndr.de
Kopie: »l.marmor@ndr.de

 


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Programmbeschwerde: Piloten-Krankschreibungen

von Volker Bräutigam* & Friedhelm Klinkhammer**

Sehr geehrte Rundfunkräte,

es ist wieder ein Top-Beispiel tendenziöser Berichterstattung im ARD-aktuell-Angebot, wie über die Reaktion der Piloten von Air-Berlin berichtet wird. Der Konflikt liegt vor aller Augen: Abhängig Beschäftigte fürchten - mit erheblichen psychischen und physischen Folgen - den Verlust ihres Arbeitsplatzes und reagieren entsprechend. Reguläre Kampfmaßnahmen sind Ihnen nicht möglich, weil in Deutschland das Streikrecht seit jeher außerordentlich stark eingeschränkt ist und die Streikbereitschaft durch rigide nachteilige Arbeitsverhältnisse (Zeitverträge, Arbeitnehmerüberlassung, prekäre Beschäftigung) niedergehalten und die Entsoldarisierung der Belegschaften aktiv von den Unternehmen und der Politik vorangetrieben wurde.

Anstatt danach zu fragen, was die tatsächlichen Gründe und Motive der Piloten sind, sich reihenweise krankschreiben zu lassen und diese Ursachen zu recherchieren (wie sehen die konkreten Arbeitsbedingungen gegenwärtig aus, Rahmenbedingungen, Arbeitszeiten und -intensität, Belastungsfaktoren, materielle Ausstattung, individuelle Bedrohung mit Kündigung und Verlust der Existenzgrundlage etc.), stehen in der Berichterstattung ausschließlich die Arbeitgeberinteressen im Vordergrund. Kein Wort über die Situation der Beschäftigten. Darüber kann man nur im Forum Erkenntnisse von anonym bleibenden Beteiligten gewinnen. Es sind Informationen, die ARD-aktuell ausblendet und in der Berichterstattung verschweigt. Beispiel für eine Publikumsäußerung:

"Managementfehler und der Bund haben kräftig mitgewirkt[...]
Selbst habe ich es auch erlebt in einem Unternehmen mit Bundesbeteiligung. Mobbing ohne Ende, [...] Da half nur noch eine Krankmeldung. Es gab Kollegen, die aus dem Fenster springen wollten. Ich habe mich engagiert und bekam eine Abmahnung. Fazit: Jegliches Bashing gegen das Personal ist unangemessen. Wer dieses Bossing Jahrelang ertragen hat und die Folgen getragen hat wird mir beipflichten
"

Es stellt sich die Frage, was das für ein Journalismus ist, bei dem ausschließlich die "andere Seite" zu Wort kommt und der die Arbeitnehmer völlig unberücksichtigt lässt.

Der Bericht hat 501 Wörter. In 286 Wörtern (57%) kommt der Vorstand der Airlines selbst zu Wort bzw. werden die Positionen der Unternehmensseite dargestellt. Insolvenzverwalter Kebekus darf mit 20% Wortanteil weitere düstere Befürchtungen bzw. Drohungen gegenüber den Arbeitsplatzgefährdeten von sich geben und von der Gniffke-Truppe verbreiten lassen. 13% Wortanteil hat das Politikestablishment, das maßgeblich zur Malaise der Air Berlin beigetragen hat, was ARD-aktuell aber wie gewohnt verschweigt. Selbst die famose BILD ist mit 7% noch eine gefragte ARD-aktuell-Quelle.

Die andere Seite: Die Gewerkschaft der Piloten darf sich mit 19 Wörtern äußern (3%), sie kann aber nur das sagen, was sie aufgrund der frühkapitalistischen Streikvorschriften allenfalls sagen darf, wenn sie nicht für die Schäden des Pilotenverhaltens haftbar gemacht werden will: Sie bittet die gesunden Kollegen zurück in die Cockpits.

Die Interessen der Krankgeschriebenen und deren existenzielle Bedrohung? Haben 0% Anteil in diesem Bericht. Offensichtlich sind die Piloten für ARD-aktuell nur Störenfriede, die sich gefälligst den Unternehmensinteressen und den Kundenbedürfnissen unterzuordnen haben.

In diesen Meinungsjournalismus passt auch der der Beitrag des "Experten" »Prof. Dr. Robert von Steinau-Steinrück, eines ständigen Beraters von Wirtschaftsunternehmen. Er bekommt in Tagesschau24 Gelegenheit, das vermeintlich Unrechtmäßige am Verhalten der Piloten in der Öffentlichkeit anzuprangern. Auch diese einseitige Meinungspräsentation ist so lange ein Verstoß gegen journalistische Grundregeln, solange ihr nicht die Argumente der Arbeitnehmerseite gegenübergestellt werden.

Nach unserer Auffassung wurde mit dem Beitrag gegen die bestehenden Programmrichtlinien verstoßen, insbesondere gegen § 11e3d RSTV:

"In Berichten und in Beiträgen, in denen sowohl berichtet als auch gewertet wird, dürfen keine Tatbestände unterdrückt werden, die zur Urteilsbildung nötig sind".

Für einen Fall von Unterdrückung wesentlicher Argumente (i.S. von „Tatbestände“) spricht die eindeutige Wortstatistik.

Martin Walser meinte vor vielen Jahren in einem Gespräch über das Thema Information, dass in unserem politischen System Souffleure herrschen, Informanten, die wie Theatersouffleure im verborgenen Kasten und für die Öffentlichkeit unsichtbar, die ihnen nützlichen Ansichten und Zweckmeldungen weitergeben und damit ohne Verantwortung und direkt nicht angreifbar die öffentliche Meinung, die sozialen Zustände und wirtschaftlichen Entwicklungen beeinflussen. Gegen diese unheilvollen, weil nicht oder nur schwer kontrollierbaren Souffleure, bestehend aus Lobbyisten, Syndici, Gruppenvertretern, heimlich politisierenden Geistlichen, Konzerngewaltigen, Rüstungsgewinnlern oder Interessenten an einen Status quo, der nur gewissen kleinen Kreisen ins Konzept passt, hat die Information eine aufklärende und als Gegenschlag wirkende Funktion.

Von dieser Funktion haben sich Gniffke, sein Intendant und seine Rundfunkräte schon lange und dauerhaft verabschiedet, sie sind willige mediale Vollstrecker für die Souffleure geworden.

Mit freundlichen Grüßen
»Volker Bräutigam & Friedhelm Klinkhammer

»*Volker Bräutigam war von 1975 bis 1985 Redakteur in der Tagesschau-Zentrale Hamburg und auch danach noch, bis 1995, beim öffentlich-rechtlichen NDR (in der Hauptabteilung Kultur) als Journalist tätig. Er schreibt heute für die Politik-Zeitschrift Ossietzky. Als Nachfolgerin der "Weltbühne" orientiert sie sich strikt an diesem Vorbild. (s.a.»http://ossietzky.net). 

**Friedhelm Klinkhammer war langjähriger Gesamtpersonalvorsitzender des NDR

Quellenangaben:

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