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Betreff: Eingabe: Venezuela-Opposition
Datum: 06. November 2017 um 10:15:24 MEZ
An: "NDR RR VWR" »gremienbuero@ndr.de

 



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Eingabe: Venezuela-Opposition

von Volker Bräutigam* & Friedhelm Klinkhammer**

Sehr geehrte Rundfunkräte,

erneut hat Dr. Gniffke sein Propaganda-Köfferchen geöffnet. Diesmal hat es wieder Venezuela erwischt:

"In Venezuela entmachtet und eingesperrt, in Europa geehrt. Das EU-Parlament zeichnet die demokratische Opposition des lateinamerikanischen Landes mit dem diesjährigen Sacharow-Preis aus. In der Heimat steht sie unter massivem Druck von Präsident Maduro."

Die Formulierungen "entmachtet" und "eingesperrt" sind negativ konnotiert, sie haben mit einer objektiven Nachrichtensprache nichts zu tun und verstoßen schon deshalb gegen die Programmrichtlinien.

Zudem: Opposition ist immer „machtlos“, sonst wäre sie nicht Opposition; einsperren kann man allenfalls Oppositionelle, nicht eine komplette Opposition, es werden mit dem Satz auch Grundregeln logischen Denkens ignoriert. Der Begriff "demokratische Opposition" ist manipulativ, da er argumentationslos unterstellt, dass die Gegner dieser Opposition insgesamt antidemokratisch seien. Dabei unterschlägt ARD-aktuell:

Gerade erst vor ein paar Wochen haben Wahlen in Venezuela stattgefunden, aus denen die herrschenden Maduro-Sozialisten als eindeutige Sieger hervorgegangen sind. Gegenüber 2016 haben sie bei den Gouverneurswahlen um 14% auf 54% zugelegt und 18 von 23 Mandaten gewonnen. Dem US-Präsidenten Trump blieb es vorbehalten, unmittelbar nach der Verkündung des Ergebnisses zu behaupten, es seien Wahlfälscher am Werk gewesen. Nicht einmal die EU-Außenbeauftragte Mogerini mochte Trump bestätigen, schon gar nicht wollten das die Wahlbeobachter vor Ort.

Bezeichnenderweise hat ARD-aktuell die Bekanntgabe dieses Wahlergebnisses in den Nachrichten für das deutsche Publikum unterlassen. Positivmeldungen über ein sozialistisch orientiertes Gemeinwesen, noch dazu eines unter Sanktions- und Embargodruck der USA (dem Hort der Menschenrechte, der Demokratie und der Friedfertigkeit überhaupt) sind bei ARD-aktuell nicht drin.

Wohl aber bietet dieses transatlantische Propagandazentrum nun in Endlosschleife Halb- und Pseudoinformationen über den angeblich unmittelbar bevorstehenden Staatsbankrott Venezuelas. Die Betrachtung, dass dies wie im Beispielfall Argentinien unter Umständen die einzige humanitär vertretbare Überlebensstrategie eines Staates ist, der sich einer kapitalistischen Supermacht nicht unterwerfen mag, kommt für die Qualitätsjournalistentruppe der ARD-aktuell nicht infrage, ebenso wenig wie ein Blick auf zahlreiche informative Fakten, die über Venezuela verfügbar sind, von „»Amerika21“ bis „»Telepolis“.

Wer sich dergestalt einseitige Informationen zu Eigen macht, kann nur tendenziös berichten. Das Europaparlament ist, ebenso wie der UN-Sicherheitsrat, zwar eine Quelle, aber eben keine neutrale - und sollte nur eine unter mehreren sein. Kleine Information am Rande: Die reiche Oberschicht Venezuelas, vulgo: „Opposition“, hat für Kapitalabflüsse ins Ausland und die massive Warenverknappung im Inland gesorgt. Dass z.B. Kolumbien den Export von Medikamenten nach Venezuela verweigert, geht auf die kriminellen Aktivitäten eben der venezolanischen Oberklasse zurück.

Keine regierende Partei bleibt fehlerfrei, erst recht nicht eine, die sich gegen wirtschaftliche Erpressung seitens einer Supermacht zur Wehr setzen muss. Die vielen wirtschaftlichen Sanktionen der USA gegen Venezuela und deren mangelnde Rechtsgrundlagen hat ARD-aktuell nie zum Thema gemacht; auch nicht, dass die venezolanische „Opposition“ Gewalttäter und Kriminelle organisierte, die den Straßenkampf bestritten.

Logischerweise gab es auch keine Infos geschweige denn Erklärungsversuche der ARD-aktuell dafür, dass die regierenden „Chavisten“ nach den Frühjahreskrawallen derzeit im Aufwind sind. Nachdenken darüber findet nicht statt, also wird es auch nicht initiiert. Die Tagesschau legt Wert auf ihre Schlagseite. Hilfestellung: Die Bevölkerung Venezuelas hat es mutmaßlich einfach satt, die Gewalttätigkeiten ihrer "demokratischen" Opposition zu ertragen.

Im obigen Tagesschau-Bericht heißt es:

"In dem lateinamerikanischen Land wurden bei einer Protestwelle gegen die Entmachtung des von der Opposition dominierten Parlaments zwischen April und Juli mehr als 120 Menschen getötet.

Wer da wen erschlug, wer da wen mit Benzin übergoss und anzündete, wird nicht mitgeteilt.

Die Medienwissenschaftlerin »Sabine Schiffer weist darauf hin, dass zum Manipulationsrepertoire gehört, wichtige Informationen wegzulassen oder durch Passivkonstruktionen zu ersetzen. Diese Manipulation wird "Agent-Deletion" genannt, die Verantwortlichen und ihre Interessen werden dadurch praktisch unsichtbar gemacht. So auch in dieser Nachricht. Das Verschweigen der Täter vermittelt unausgesprochen den Eindruck, als trage die Regierung die ausschließliche Verantwortung für die Toten.

Der Menschenrechtsbeauftragte Saab untersuchte die Fälle im einzelnen und kam demgegenüber zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der Toten »nicht auf das Konto von Regierung oder Sicherheitskräften gehe.

Dieser Bericht zeigt exemplarisch, wie ARD-aktuell manipuliert. Dies verstößt gegen die Programmrichtlinien.

Mit freundlichen Grüßen
»Volker Bräutigam & Friedhelm Klinkhammer

»*Volker Bräutigam war von 1975 bis 1985 Redakteur in der Tagesschau-Zentrale Hamburg und auch danach noch, bis 1995, beim öffentlich-rechtlichen NDR (in der Hauptabteilung Kultur) als Journalist tätig. Er schreibt heute für die Politik-Zeitschrift Ossietzky. Als Nachfolgerin der "Weltbühne" orientiert sie sich strikt an diesem Vorbild. (s.a.»http://ossietzky.net). 

**Friedhelm Klinkhammer war langjähriger Gesamtpersonalvorsitzender des NDR

Quellenangaben:

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