tagesschau.jpg

 

Betreff: Programmbeschwerde: Berichterstattung zu Yücel
Datum: 02.März 2017 um 15:22:33 MESZ
An: "NDR RR VWR" gremienbuero@ndr.de, l.marmor@ndr.de

Programmbeschwerde: Berichterstattung zu Yücel

von Volker Bräutigam* & Friedhelm Klinkhammer**

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der ARD-aktuell-Berichterstattung ist uns aufgefallen, dass über die Anklagepunkte gegen den in der Türkei inhaftierten Yücel nichts Konkretes berichtet wird, selbst in so ausführlichen Beiträgen wie den oben genannten nicht. Hierüber scheint es in der Öffentlichkeit auch unterschiedliche Einschätzungen zu geben: Die Freunde und Mitstreiter sehen die Anklage als Willkür des türkischen Staates. Merkel und Co reden dagegen nur von "einer unangemessenen Maßnahme" der türkischen Behörden und scheinen damit die Haftgründe zumindest prinzipiell nicht infrage zu stellen. Ein so wichtiges Nachrichtenmedium wie ARD-aktuell ist aus unserer Sicht verpflichtet, genau zu recherchieren, was die Anklagepunkte im einzelnen sind. In den Programmrichtlinien ist die Verpflichtung zur umfassenden Berichterstattung festgeschrieben. Deshalb wäre der Öffentlichkeit allerdings auch mitzuteilen, dass Yücel als "Journalist" in Deutschland kein ganz unbeschriebenes Blatt ist. Das soll nicht heißen, dass er keine Unterstützung verdient. Für vollkommen unangemessen allerdings halten wir den Hype im Fall Yücel, er wurde ja sogar zum Aufmacher einer Hauptausgabe der Tagesschau 20 Uhr gemacht. Da es weit schlimmer drangsalierte Journalisten weltweit gibt, ARD-aktuell aber nicht über sie berichtet, wirft die Behandlung des Falles Yücel Fragen nach der Verhältnismäßigkeit auf.

Wir erinnern an Oles Busina. Wie mies ARD-aktuell mit dem Fall dieses ermordeten ukrainischen Journalisten verfuhr (weil Sympathisant der "Prorussen"), haben wir in unserer Programmbeschwerde vom 22.4.2015 dargelegt. Daraufhin sah sich der NDR-Rundfunkrat immerhin veranlasst, dem Chefredakteur Dr. Gniffke zu empfehlen, "bei zukünftigen Meldungen den Namen von Betroffenen (Ermordeten) zu erwähnen.“

Hier, im Fall Yücel, begründet sich nun der Vorwurf, mit zweierlei Maß zu messen. Ein Journalist des Springer-Verlags, verhaftet unter unklarer Beschuldigung in der Türkei, ist einen Aufmacher bei der Tagesschau wert, ein ermordeter „prorussischer“ Journalist allenfalls eine Randnotiz. Über Yücel heißt es u.a. in der Wikipedia:

"Nachdem Yücel in seiner Kolumne „Der Ausländerschutzbeauftragte“ geschrieben hatte, dass man dem teilweise im Gesicht gelähmten Thilo Sarrazin nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten“, sprach der Deutsche Presserat im Dezember 2012 eine Missbilligung aus. Der Presserat hielt es für unvereinbar mit der Menschenwürde Sarrazins, ihm eine schwere Krankheit oder Schlimmeres zu wünschen, und stellte fest, dass der Beitrag über eine kritische Meinungsäußerung weit hinausgehe. Einer Klage Sarrazins wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte gab das Landgericht Berlin statt und untersagte der taz, den Text weiter zu veröffentlichen und zu verbreiten. Sarrazin wurde eine Entschädigung in Höhe von 20.000 Euro zugesprochen. Yücel hatte später eine „Klarstellung“ veröffentlicht, die jedoch als nicht ernst gemeint wahrgenommen wurde.“ Quelle: »Wikipedia

Uns scheint, dass der Fall Yücel der politischen Instrumentalisierung dient und dass ARD-aktuell dabei Handlangerdienste leistet. Berichterstattung über Yücel in großer Aufmachung ersetzt aber keine Politik, sie übertüncht auch nicht, dass Kanzlerin Merkel sich mit ihrem widerwärtigen Flüchtlingsdeal vom Despoten Erdogan abhängig gemacht hat und dieses gesamte Konglomerat von politischem Versagen nur zu ähnlicher Türkenfeindlichkeit in Deutschland führt, wie es schon zur Russlandfeindlichkeit und zur generellen Xenophobie hierzulande wesentlich beitrug.

ARD-aktuell hat demgegenüber einen aufklärerischen Auftrag, die Zielvorgabe, mittels umfassender und der Wahrheit verpflichteter Information zur Völkerverständigung und zur qualifizierten Meinungsbildung beim deutschen Publikum beizutragen. Diesen Auftrag sehen wir hier entschieden missachtet.

Mit freundlichen Grüßen
»Volker Bräutigam & Friedhelm Klinkhammer

»*Volker Bräutigam war von 1975 bis 1985 Redakteur in der Tagesschau-Zentrale Hamburg und auch danach noch, bis 1995, beim öffentlich-rechtlichen NDR (in der Hauptabteilung Kultur) als Journalist tätig. Er schreibt heute für die Politik-Zeitschrift Ossietzky. Als Nachfolgerin der "Weltbühne" orientiert sie sich strikt an diesem Vorbild. (s.a.»http://ossietzky.net). 

**Friedhelm Klinkhammer war langjähriger Gesamtpersonalvorsitzender des NDR

Quellenangaben:

  • Grafik: mit freundlicher Genehmigung © www.egonkramer.de

Grafische Bearbeitung/Linksetzung durch 0815-Info.com

Notiz:
  • Eilig? Hier geht es zur »Druckversion!
  • Meinungen? Vor-, Rat- & Nachschläge? Gern! Lassen Sie doch einfach einen Kommentar hier oder »Schreiben Sie uns!
  • mehr Programm-Beschwerden lesen? Hier »klicken!
  • Diskussionsbedarf? Nutzen Sie doch einfach unser »Forum!
  • Artikel als PDF »mitnehmen?