Ein Gespenst geht um und findet in Büchern, Zeitungen, Internet-Blogs ständig neue Nahrung: Die Islamisierung Europas! In der BRD beklagt eine konservative Wochenzeitung, dass im katholischen Eschweiler die Glocken von Sankt Bonifatius verstummen mussten, während nun allfreitäglich der Muezzin seinen Gebetsruf erschallen lassen dürfe. In ihrer Rezension des Buches „Das Dschihadsystem - wie der Islam funktioniert“ frohlockt eine Doris Auerbacher, dass damit endlich die Schönfärberei des Islams entlarvt sei, wie sie von Meinungsindustrie und Behörden betrieben werde.


 


 

 

Der Felsendom mit dem Kettendom von Südost

 

 

von Verena Tobler Linder*

Wenn es um den Islam geht, wird auch in der Schweiz heftig und verbissen gekämpft. Dabei geraten sogar klassische Parteilinien und die üblichen kulturellen Fronten durcheinander. So haben in unserem Land nicht nur einige Feministinnen, sondern auch manche naturalisierte Iranerinnen und Türkinnen für das Minarettverbot gestimmt.


Es wäre billig, sich über diese Ängste und Befürchtungen lustig zu machen. Sicher ist: Wir haben es mit einer Gemengelage von unklaren Begriffen, sozialen Verwerfungen und dunklen Emotionen zu tun - ein Tohuwabohu, das stets dann entsteht, wenn es um Fragen der Moral geht. Hinz und Kunz sind genauso involviert wie die Politik, Wissenschaft, Behörden und - in der Schweiz - die Stimmbürgerschaft. Auffallend ist aber die Musterung dieser europaweiten Debatten: Auf der einen Seite die "Vox Populi", die Fremde ausgrenzt und oft mit Verhetzung oder Verteufelung reagiert. Auf der andern Seite die links-grüne Mitte mit ihren Idealisierungen: Vom multikulturellen Reichtum wird geschwärmt und verlangt, dass Fremde fraglos akzeptiert und integriert werden. Von dieser Seite wird aus vollen Rohren gegen jene geschossen, die im Kulturkontakt Ängste und Konflikte erleben. Die beiden Reaktionsmuster gleichen sich jedoch wie ein Ei dem andern. Fremde sind für die Rechte, was den links-grünen Parteigenossen die immigrationsskeptischen Eigenen: Dort wird mit Fundamentalismus und terroristischen Islamisten operiert, hier mit Rassismus und Ökofaschisten. In diesem Teufelskreis sind Rassismus und Antirassismus verbandelt und blockieren dabei klammheimlich die Problemlösung. 

Zuerst zum Chaos um den Kulturbegriff. Nachher fünf Schritte hin zur Ernüchterung. Das Konzept der Kernkultur hilft erstens, die wirtschaftlichen, zweitens die institutionellen Probleme zu erkennen, die hinter den Kulturkonflikten stecken. Im dritten Schritt werden die sozialen Verwerfungen erörtert, die den Umgang mit kulturellen Konflikten komplizieren, im vierten Schritt die psychologischen Verwerfungen, die uns den Blick auf die Welt verdunkeln kann, fünftens, ein aufgeklärter Blick auf das Fremde und auf das Eigene das Tohuwabohu auflösen und Wege aus der Sackgasse finden? Der Versuch ins Halboffene zum Schluss.

1. Vom Begriffschaos um Kultur zum interkulturellen Lernen

 

 

Es gibt Hunderte unterschiedliche Kulturdefinitionen, um deren Lufthoheit im Reich der Wissenschaft heftig gekämpft wird. So hat der Politologe Huntington im „Kampf der Kulturen“ u. a. einen Konflikt zwischen westlicher Zivilisation und dem Islam prophezeit, wobei er Kultur m. o. w. mit Religion zusammenfallen ließ. Andere Sozialwissenschaften postulieren, dass die Multikulturalisierung eine Gesellschaft bereichere. Selten aber wird geklärt, wer denn was unter Kultur versteht. Sogar die UNESCO arbeitet mit einem diffusen Kulturbegriff. So zeigt der „Uno-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte“ mit seinem Namen an, dass er Kultur als eine Residualkategorie behandelt: Kultur enthält, was weder zum Wirtschaftlichen noch zum Sozialen gehört – Bauten und andere Äußerungen der Kunst, außerwissenschaftliche Wissens- und Erinnerungsformen und so etwas wie ein Recht auf kulturelle Identität - in unserer Optik alles unverfängliche, entweder ästhetische oder sonstige Vorstellungen.

 

 

 

Meine eigene Auseinandersetzung mit fremden Kulturen hat mich gelehrt: Kulturkontakt kann spannend, aber auch sehr spannungsträchtig sein. Ich habe einst in Bangladesh, Pakistan, Kamerun, Liberia, im Sudan mit Flüchtlingen und Slumbewohnern, Nomaden, Bauern und Bäuerinnen im Hinterland gearbeitet, die ihr Leben weit weg von der westlichen Zivilisation gefristeten. Obwohl ich mich als aufgeklärte Ethnologin sah, erlebte ich heftige Kulturkonflikte. Der wichtigste: Die Menschen, die an den Rändern oder ausserhalb der Weltwirtschaft leben, hatten oft völlig andere Rechts- und Moralvorstellungen als ich! Dafür zwei Beispiele:

 

In Bangladesh berichteten muslimische Flüchtlinge aus Burma empört: They raped our women! Schliesslich stellte sich heraus, dass in Burma eine Volkszählung durchgeführt wurde und alle BürgerInnen eine Identitätskarte erhalten sollten. Zwecks fotografischer Ablichtung mussten die Frauen ihre Burka lüften - für Muslime eine Vergewaltigung. So lernte ich erstmals, dass sich Rechtsvorstellungen, die der Westen und die Uno mit einem Begriff verbinden, sich fundamental von jenen der muslimischen Flüchtlinge unterscheiden können.

 

Die grösste Herausforderung brachte mir der Kontakt mit dem Volk der Paschtunen im südlichen Afghanistan: Keine Schulen für Mädchen; Zwangsheirat für Minderjährige; Todesstrafe für Ehebruch und zwar für Frauen und Männer. Ich war entsetzt und empört. Dennoch haben mich jene Männer, die später die gefürchteten Taliban organisierten, das Wichtigste gelehrt.

 

Längst zurück in der Schweiz, arbeite ich weiterhin mit Menschen, die von den weltwirtschaftlichen Rändern zu uns kommen - darunter auch Islamisten. Zum Glück! Denn so bin ich ständig mit irritierenden Vorstellungen konfrontiert, die mir fremd sind. Und die Auseinandersetzung mit diesen Irritationen bringt mir laufend neue Erkenntnisse über das Fremde und das Eigene.

2. Kernkultur – ein transkulturelles, aber strukturbezogenes Kulturkonzept

Im Zentrum stets die Frage: Wie können wir das Fremde und das Eigene verstehen, wenn wir davon ausgehen, dass sich die Menschen hüben und drüben „im Prinzip“ gleich sind?

Kernkultur fokussiert nüchtern, was für die Menschen in allen Gesellschaften am wichtigsten ist.
• Was aber ist für die Menschen aller Kulturen das Wichtigste? Menschen müssen ihre physiologischen Bedürfnisse, ihre Bedürfnisse nach Schutz und Sicherheit sowie nach Solidarität und Zugehörigkeit stillen können, um zu überleben. Dazu bilden sie in ihrem Kollektiv verbindliche Ordnungsvorstellungen heraus - von mir als „Kernkultur“ bezeichnet. Kernkultur greift aus der unendlichen Vielfalt kultureller Vorstellungen also nur jene Werte und Normen, die auf die Befriedigung der unelastischen Bedürfnisse zielen. Sie aber sind in allen Gesellschaften über Kernrollen sowie vier Kernaufgaben organisiert: Drei davon, Produktion und Konsum, Schutz und Sicherheit, Solidarität und Zugehörigkeit betreffen die unelastischen Bedürfnisse, die vierte, Erziehung und Ausbildung, ist eine resultierende soziale Notwendigkeit. Denn den Jungen müssen allerorts jene Kernkultur und Kernrollen vermittelt werden, die das gemeinsame überleben sicherstellen.

Doch wenn Kernkultur nur das erfasst, was für die Menschen in allen Gesellschaften wichtig ist:
• Warum gibt es überhaupt Konflikte?
Auf diese Frage gibt es drei Antworten, die auf sehr unterschiedlichen Ebenen liegen:
1. Weil sich kernkulturelle Ordnungsvorstellungen interaktiv und sich bislang stets an einem bestimmten Ort herausbildeten, sind weltweit höchst unterschiedliche Kernkulturen entstanden. Denn die Art, wie Menschen ihre unelastischen Bedürfnisse befriedigen, hängt primär von den Ressourcen ab, die ein Kollektiv bewirtschaften kann. So haben zwar alle Gesellschaften eine Kernkultur – von den Banden der Jäger-und-Sammlerinnen über die verwandtschaftlich-ethnisch organisierten Verbände, die Hackbau, Pflugbau, Nomadismus betreiben, bis hin zu alten Staaten wie Indien oder China oder zu den westlichen Gesellschaften, die mittels Kapitalismus überleben.

In Abhängigkeit von der Bewirtschaftungsform ist Kernkultur jedoch höchst unterschiedlich konkretisiert. Weil in der Weltwirtschaft nicht nur Geld und Güter frei zirkulieren, sondern inzwischen auch Menschen sich in Bewegung setzen, entsteht viel Zündstoff für Kulturkonflikte. Seit langem gab es Kulturkonflikte an den weltwirtschaftlichen Rändern, inzwischen sind sie aber auch bei uns virulent. Ich zeige das an einem berüchtigten Beispiel auf:


Im Hinterland vieler islamischer Staaten gilt für Mädchen und unverheiratete Frauen das Jungfräulichkeitsobligatorium. Denn im abweichenden Fall muss dort der Familienverband der Frau, d.h. ihr Vater oder ihr Bruder, für die Mutter und ihr uneheliches Kind aufkommen.

In der Schweiz gilt stattdessen das Schulobligatorium: Wir erwarten von Mädchen und jungen Frauen, dass sie einen Beruf erlernen und später einem Erwerb nachgehen. Für das uneheliche Kind ist der biologische Vater - notfalls per Vaterschaftstest eruiert - zu Zahlungen verpflichtet. Andernfalls kommt der Staat für Mutter und Kind auf. Kurz, hier prallen unterschiedliche Kernkulturen aufeinander.

 

2. Kernkulturelle Vorstellungen verdichten sich stets zu akzeptiertem Recht - sei es als informelles Recht, wie es in den Köpfen und Herzen der Menschen steht, sei es als formelles Recht, das in alten und in modernen Staaten verschriftlicht und kanonisiert ist. Das moderne Recht deckt zwar weit mehr als nur kernkulturelle Vorstellungen ab, doch gilt für alle kernkulturbezogenen Rechtsformen, dass sie von den verfügbaren Ressourcen abhängig sind und die jeweils Herrschenden begünstigen. Dennoch werden kernkulturelle Rechtsvorstellungen von den meisten Gesellschaftsmitgliedern als wichtig erachtet, weil sie die Bedürfnisbefriedigung betreffen. Sie sind denn auch stets in einen Halo eingebettet: Zum einen in die Moralität der jeweiligen Bevölkerungsmehrheit; zum andern in die Moral der einzelnen Gesellschaftsmitglieder.

 

3. Just weil Kernkultur auch die Köpfen und Herzen der Individuen eingeschrieben ist, bringen Unterschiede in den kernkulturellen Ordnungsvorstellungen heftige Konflikte. Denn die meisten Menschen halten ihre jeweils eigene Kernkultur narzisstisch und aggressiv besetzt. Entsprechend werden Kernkulturkonflikte mit großer Heftigkeit erlebt und ausgetragen: Wir sind nie so empört, wie dann, wenn fremdes Verhalten unsere eigene Moral verletzt. Nur macht uns grad diese Heftigkeit blind für die objektiven Fakten in der Außenwelt und dafür, wie Kernkultur mit der jeweils dahinter liegenden Struktur interagiert. Das eingangs erwähnte Tohuwabohu ist perfekt!

Der Blick auf einige der objektiven Tatsachen in der Außenwelt soll uns nun den ersten Schritt in Richtung Ernüchterung erlauben: Kernkultur ist auf die erste Kernaufgabe fokussiert, ist doch das Wirtschaften allerorts die wichtigste Basis fürs überleben - zuerst wird produziert, dann konsumiert. Abhängig von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit werden die restlichen gesellschaftlichen Aufgaben wahrgenommen, und alle vier Kernaufgaben sind - samt den entsprechende Rollen und Institutionen - in Form von kernkulturellen Vorstellungen repräsentiert.

2.1. Ein Blick auf die ungleiche Weltwirtschaft

Die europäischen Nationalstaaten sind mit den sog. Entdeckungen und in engster Verbindung mit der Entwicklung des Kapitals entstanden. über 500 lange Jahre konnte sich Europa dank seiner überlegenen Transport-, Waffen- und Produktionstechnologie den Rest des Planeten als Beschaffungs-, Produktions- und Absatzmarkt unterordnen. Noch während der Industrialisierung wurden weite Teile der europäischen Bevölkerung ausgepresst. Doch seit etwa 50 Jahren konnte hierzulande der Wohlfahrtsstaat ausgebaut werden und zwar letztlich ausschließlich von dem finanziert, was der Nationalstaat mittels Besteuerung der vom Privatsektor erwirtschafteten Erträge einnehmen konnte.
Kurz - der westliche Wohlfahrtsstaat ist auf Gedeih und Verderben mit dem Kapitalismus verbunden: Die überdurchschnittliche Kapitalakkumulation hat es den westlichen Staaten erlaubt, auch die restlichen drei Kernaufgaben - Schutz und Sicherheit, Umverteilung und Solidarität, Erziehung und Ausbildung - extensiv zu monetarisieren. Längst haben bei uns Männer und Frauen eine formelle Erwerbsarbeit - die Mehrzahl in der Privatwirtschaft, aber auch viele beim Staat. Grundrechte gelten in der BRD genau so fraglos wie in der Schweiz und beiderorts „im Prinzip“ sogar für all jene, die sich auf diesen nationalen Territorien aufhalten. So leben in den westlichen Wohlfahrtsstaaten heute alle direkt oder indirekt von den Erträgen aus der globalen Kapitalzirkulation: Manager, Ärzte, Juristinnen, Arbeiter, Angestellte, aber auch Kinder, Immigrierte, Asyl Suchende.

wird fortgesetzt...

© Foto: Orientalist, Wikimedia

Foto: cortona.ethz.ch*Verena Tobler Linder wurde 1944 in Winterthur (Schweiz) geboren. Sie hat eine Erstausbildung als Primarlehrerin, später das Lizenziat als Ethno- & Soziologin (Universität Zürich) sowie ein Diplom in Supervision und Organisationsberatung erworben. Seit 2002 übt sie eine selbständige Lehr-, Kurs-, Referats- und Beratungstätigkeit aus, insbesondere zum Thema „Interkulturelle Konflikte und deren Überwindung“. Sie erteilt Kurse zur interkulturellen Kommunikation und Integration für: Spital-, Psychiatrie und Gefängnispersonal, für Schulen, Krippen, Horte, Mitarbeitende von Sozialämtern, Gemeinden, Gerichten, des Bundesamtes für Flüchtlinge und Immigration und andere vom Thema Betroffene.

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